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Ein Interview mit Siegfried Matthus unter der Überschrift
"Ein herausragendes Musikereignis in Bukarest"

Deutsche Zeitung für Rumänien vom 3.12.2010

Herr Matthus, wir haben im Athenäum kürzlich Ihr Konzert für Pauke und Trompete gehört.  Ist es zum ersten Mal, dass Sie mit den Dirigenten Horia Andreescu zusammenarbeiten?
Horia Andreescu kenne ich schon sehr, sehr lange. Ich glaube, es war Ende der 70er, in den 80er Jahren, da hat er damals in der DDR sehr viele Kompositionen von mir aufgeführt. Er hat auch Rundfunkaufnahmen gemacht, darunter ein Stück, das sehr viel gespielt wurde, „Responso“. Da hat er eine Rundfunkaufnahme gemacht – ich finde, es ist die beste Interpretation, die ich kenne.

Hat Horia Andreescu auch das Konzert für Trompete und Pauke schon aufgeführt?
Nein, dieses Konzert hat er wohl zum ersten Mal dirigiert. Das ist von den Berliner Philharmonikern uraufgeführt worden, das war ein Auftragswerk, das stand leider nicht im Programm drin.

Es wurde 1982 anlässlich der 100-Jahrfeier seit Gründung des berühmten Berliner Orchesters komponiert.
So ist es. Und das ist dann von verschiedenen Orchestern viel gespielt worden. Das Gewandhausorchester hat mit diesem Stück eine Welttournee gemacht. Und dann ist da noch etwas ganz Eigenartiges mit diesem Konzert. Am 9.Oktober 1989 war doch in Leipzig diese große Demonstration, und da war dieses Stück an diesem Abend im Programm des Gewandhauses. Meine Frau und ich kamen aus Berlin, aber die Polizeikräfte wollten uns erst mal gar nicht nach Leipzig hineinlassen. Um zum Gewandhaus zu kommen, mussten wir mit den Demonstranten dahin gehen. Das war ein unvergesslicher Augenblick, als ich die Stimme meines Freundes Kurt Masur hörte und er sagte: „Bitte, keine Gewalt“. Und das hat ja dann auch funktioniert. Im Konzert war dieses Stück im Programm. Solche Stücke werden anderthalb Jahre vorher gewählt. Das war ein Zufall, für mich ein ganz wichtiger und schöner Zufall.

Das hängt jetzt für Sie immer zusammen, das Konzert für Trompete und Pauke, die Demonstration in Leipzig, Kurt Masur und das Gewandhaus. Wie fanden Sie die Aufführung in Bukarest?
Also diese Aufführung, ich kann die nur in den höchsten Tönen loben. Die beiden Solisten! Ich meine, man hört, dass das bei den Solisten sehr schwer ist. Man kann das nicht so vom Blatt blasen. Ich habe zu dem Pauker Cristian Ratiu, der mir auch wunderbar gefallen hat, gesagt, er hat dieses Stück nicht gepaukt, sondern er hat es gesungen. Und der Trompeter Corneliu Meici! Das sind diese hohen Töne, die so schwer zu spielen sind. Und was das Orchester geleistet hat und Horia Andreescu, der dem Stück auch die Dramatik abgenommen hat! Es war eine wunderbare Aufführung, ich bin sehr glücklich darüber.

Ich kann das nur bestätigen. In Ihrer Biografie kommt auch die Begegnung mit Rudolf Wagner-Régeny vor. Nachdem er aus Siebenbürgen, aus Sächsisch-Regen, stammt, würde ich Sie bitten, sich an Ihren Lehrer zu erinnern.
An der Hochschule habe ich zuerst Dirigieren studiert und wollte aber immer komponieren, und da habe ich Rudolf Wagner-Régeny, der damals für uns junge Studenten eine ganz große Persönlichkeit war, mal ganz schüchtern ein Stück gezeigt. Da hat er gesagt: Na kommen Sie zu mir. Ich hatte ein Stück, da war viel Chromatik drin, und das hat ihn bewogen, mir die Zwölftontechnik beizubringen.  Da hat er mir wirklich wie ein Lehrer, ein Schulmeister, in einer präzisen und liebevollen Art das Komponieren mit den zwölf Tönen beigebracht. Und das war ja damals verpönt – Sie kennen das ja von hier, da glaubte man immer, dass da eine falsche Ideologie dahinter ist, was ein Blödsinn ist.  Rudolf Wagner-Régeny wurde da auch angegriffen, aber er hat sich nicht beirren lassen. Ich habe ihn sehr geschätzt, es gab dann einen Lehrerwechsel und ich bin später zu Eisler in die Akademie gekommen. Als ich meine erste Oper komponierte, da habe ich ihn nochmals besucht, und dann haben wir so von Kollege zu Kollege gesprochen.  Er war eine großartige Persönlichkeit und auch seine Kompositionen waren herausragend – übrigens hat Kurt Masur eine Oper von ihm im Fernsehen produziert. Es ist leider so, dass er heute ein wenig vergessen ist. Ich denke voller Achtung und Liebe an ihn. In den späteren Jahren habe ich einmal seinen Geburtsort besucht. Es gab bis vor wenigen Jahren seine Frau, mit der ich immer noch Kontakt hatte. Sie ist vor ungefähr ein, zwei Jahren gestorben.

Hat es für Ihr kompositorisches Werk eine Rolle gespielt, dass Rudolf Wagner-Régeny Opern komponiert hat?  
Ja sicher, natürlich. Mein Werk umfasst Opern, aber auch sinfonische Musik.

Und auch Kammermusik.
Kammermusik erst in den letzten Jahren ein bisschen. Mit den großen Opern und den Orchesterwerken habe ich nie Zeit gehabt für Kammermusik. Aber jetzt habe ich doch einige Stücke geschrieben. Übrigens bin ich nicht zum ersten Mal in Bukarest, wir haben mit meiner Frau ausgerechnet, wir sind vor 50 Jahren einmal hier gewesen. Es war nur kurz. Sonst fanden hier wohl Aufführungen meiner Werke statt, aber ich bin nie da gewesen. Ich bin begeistert von diesem außergewöhnlich schönen Saal. Ich kenne nun doch viele Konzertsäle in der ganzen Welt, aber so etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.

In den letzten Jahren haben Sie sich viel mit dem Projekt Kammeroper Schloss Rheinsberg befasst.
Da ist auch meine Frau – sie ist Sängerin – stark engagiert. Ich hatte schon immer eine Idee mit Kurt Masur, in Rheinsberg Musik zu machen.  Dort bin ich zur Oberschule gegangen, dort habe ich mein Abitur abgelegt. Und als die Wende kam, da haben wir die Idee gehabt, zwei Sachen zu machen: einen internationalen Gesangswettbewerb, bei dem die Preisträger nicht wie üblicherweise viel  Geld bekommen, sondern sie bekommen eine Opernrolle in Rheinsberg, eine Partie, die sie dann mit erfahrenen Regisseuren umsetzen, zum Beispiel haben Harry Kupfer oder Götz Friedrich bei uns inszeniert. Die Sänger studieren dann eine Rolle ein und wir reichen sie weiter an die Opernhäuser der Welt. An allen großen Opernhäusern singen unsere Rheinsberger Kinder inzwischen.  Vier Leute haben wir an der Metropolitan-Oper, andere an der Wiener Staatsoper, in Mailand. Durch Vermittlung von Frau Andreescu haben wir uns an der Hochschule in Bukarest auch Sänger angehört, wir hatten auch schon rumänische Sänger bei uns in Rheinsberg.




Siegfried Matthus zu seinem aktuellen Chorstück "Sing, o Nachtigall"

Was für eine glückliche Stunde in der ich das schöne Gedicht von Grimmelshausen gefunden habe. Prof. Becker und ich haben monatelang nach geeigneten Texten gesucht. Alle entsprachen nicht unseren Wünschen und Vorstellungen. Sogar schreiben ließ ich mir einen Text von einer Schriftstellerin. Beinahe wäre der ganze schöne Plan an einer  nicht gefundenen Vorlage gescheitert.Und dann fand ich das lang Gesuchte beim Durchblättern von Gedichtbänden. Das Singen der Nachtigall, die mit Ihrem Gesang den Schöpfer lobt. Sofort habe ich mir Nachtigallengesang angehört. Die Imitation von Vogelgesang ist von Musikern immer wieder versucht worden, aber alle Ergebnisse sind immer nur eine kaum überzeugende Annäherung an die wunderbaren Laute, die die gefiederten Sänger hervorbringen. Deshalb suchte ich eine spezifisch musikalische  Formulierung des Gesanges der Nachtigall, die bei mir halt so singt und klingt.Ich freue mich, dass dieser Gesang auch von internationalen Kinderchören aufgenommen wird. Ob die Nachtigallen in Asien oder in Amerika anders singen?Bitte, Ihr lieben Nachtigallen-Kinder aus allen Ländern der Welt - singt, singt, singt! – denn nichts Schöneres gibt es auf der Welt als den Gesang.



Richard Wagner und seine komponierten Regieanweisungen


Der schwer zu beschreibende Vorgang und das große Geheimnis beim Komponierenvon Opern ist: wie schreibt man eine Musik, die Theater provoziert. Natürlich kann man das bei gründlichen Analysen der Opern von Mozart, Weber, Strauss, Berg undanderen annähernd erkennen und erfahren. Jedoch keiner dieser Meister hat sichverbal dazu geäußert.
Anders bei Richard Wagner. In seinen Opern finden wir viele (vielleicht zu viele)Regieanweisungen. Aber nun kommt das Interessante: er hat sie alle musiktheatralisch deutbar komponiert. Wenn man nun die Betrachtung umkehrt, dann haben wir in diesen Szenen verbale Äußerungen eines Komponisten zu seinertheatralisch konzipierten Musik.

Lassen Sie mich dies an einem Beispiel demonstrieren: Im Finale Nr. 6 des„Fliegenden Holländers“ in der Szene der ersten Begegnung zwischen Senta und dem Holländer.

Wagners Bemerkung: Der Holländer ist sogleich eingetreten; Sentas Blick streift vondem Bilde auf ihn, - sie stößt einen gewaltigen Schrei der Überraschung aus (großerTuttiakkord) und bleibt wie festgebannt am Platze ohne ihr Auge vom Holländerabzuwenden. Daland bleibt unter der Tür stehen und scheint zu erwarten, dass ihmSenta entgegenkommt.

Nach dem Tuttiakkord eine lange Fermate. Dazu Wagners Bemerkung: Der Holländer bleibt während der langen Dauer der Fermate regungslos unter der Türe stehen.
Im nächsten Takt spielt die Pauke einen einfachen Rhythmus. Dazu Wagner: Erschreitet langsam, die Augen auf Senta geheftet, nach dem Vordergrund und hält mit dem Akzent der Bässe (diese sind im 8. Takt zu hören) an.

Und jetzt spielen die Streicher ein zweitaktiges eng chromatisch in Terzen geführtesund im Tempo mit accelerando bezeichnetes Motiv. Dazu Wagner: Gebärde Dalands, der an der Türe noch verwunderungsvoll auf Sentas Begrüßung harrt, und diese mit einer Bewegung der geöffneten Arme, gleichsam ungeduldig, dazu auffordert.

Jetzt eine Wiederholung des Paukenmotivs. Dazu Wagner: Der Holländer schreitetvollends bis in den äußersten Vordergrund zur Seite vor, wo er nun während desFolgenden regungslos stehen bleibt, sein Auge unverwandt auf Senta gerichtet.

Wiederholung des zweitaktigen Terzmotivs. Wagner: Gesteigerte Wiederholung vonDalands Gebärde.

Von Bläsern und Streichern im Piano gespielter Akkord. Wagner: Daland lässt von der Aufforderung ab und schüttelt verwundert den Kopf.Ein punktierter Achtel- Sechzehntelrhythmus in den Violincelli und Kontrabässen.
Dazu Wagner: Er geht nun selbst auf Senta zu – und singt: „Mein Kind, Du siehst mich auf der Schwelle......“

In dieser kurzen Szene, die mit einfachen musikalischen Mitteln gestaltet ist, könnenwir die theatralischen Vorstellungen und kompositorisch festgelegten Vorgänge einesKomponisten wunderbar nachlesen und nachempfinden